Überblick
Disparität bezeichnet die Ungleichheit von Räumen (und Gesellschaften) in ihrer Entwicklung — ökonomisch, sozial, ökologisch, politisch. Für den Geografie-LK (Bildungsplan 2016, Kap. 3.5.3.4) sind drei Kompetenzbereiche zentral:
- Räume unterschiedlichen Entwicklungsstandes im Globalisierungsprozess analysieren
- Ursachen und Folgen disparitärer Entwicklungen erklären + Entwicklungstheorien und -strategien erläutern
- Projekte der Entwicklungszusammenarbeit vor dem Hintergrund von Entwicklungsstrategien bewerten
Bezug zum Bildungsplan 2016 LK Geografie BW: Kap. 3.5.3.4 „Globale Herausforderungen: Disparitäre Entwicklungen“ — SuS können die Ursachen für disparäre Entwicklungen in der Einen Welt und deren Auswirkungen erläutern sowie Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit bewerten.
Räume unterschiedlichen Entwicklungsstandes
Entwicklungsindikatoren
Standardisierte Indikatoren zur Messung und dem Vergleich von Entwicklungsstand:
- Bruttonationaleinkommen (BNE): Einkommen, das den Einwohnerinnen und Einwohnern eines Landes zufließt, unabhängig davon, ob es im Inland oder Ausland erwirtschaftet wurde. Das BNE pro Kopf erlaubt keine Aussage über die Einkommensverteilung.
- Bruttoinlandsprodukt (BIP): Wert der im Inland innerhalb eines Zeitraums erzeugten Waren und Dienstleistungen.
- Human Development Index (HDI): UNDP-Index aus Lebenserwartung, erwarteter und durchschnittlicher Schulbesuchsdauer sowie BNE pro Kopf (kaufkraftbereinigt).
- Human Sustainable Development Index (HSDI — auch Sustainable Development Index): Erweiterter Index, der ökologische Nachhaltigkeit einbezieht (Ressourcenverbrauch, CO₂-Emissionen je Kopf) neben den HDI-Komponenten; kritisch: hohe Entwicklung auf Kosten der Umwelt kompensiert nicht nachhaltige Entwicklung
Klassifikation von Räumen
- Globaler Norden / Globaler Süden: Vereinfachte, politisch-ökonomische Begriffe für globale Ungleichheiten; sie bilden keine einheitlichen Ländergruppen ab und sind nicht rein geografisch zu verstehen.
- Drei-Welten-Modell: Historisches vereinfachendes Modell, das Länder in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer einteilt; heutige Klassifikationen verwenden unterschiedliche Kriterien.
- Nach HDI: sehr hoher HDI, hoher HDI, mittlerer HDI, niedriger HDI
Beispiele für räume unterschiedlichen Entwicklungsstandes
- hoher Entwicklungsstand: Deutschland, Japan, Skandinavien, Kanada, Australien — hohes Einkommen, gute soziale Systeme, langlebige, niedrige Geburtenrate, hohe Bildung
- Mittlerer Entwicklungsstand: viele lateinamerikanische Länder, Südafrika, Teile Asiens (z. B. Thailand, Brasilien, Mexiko, Indien — letzteres Sehr ungleich intern)
- niedriger Entwicklungsstand: viele Länder Subsahara-Afrikas (z. B. Niger, Angola, Tschad), einige Länder Südasiens und kleines Inselstaaten
Ursachen für disparäre Entwicklungen
Endogene Ursachen (innerstaatlich)
- Politische Instabilität, Konflikte, Kriege
- Korruption, schwache Institutionen, Rechtsunsicherheit
- Mangelnde Infrastruktur, Bildung, Gesundheitssysteme
- Ungleichverteilung von Ressourcen und Einkommen (innen)
- Geografische Faktoren: Binnenlandlockung, ungünstige Lage, klimatische Extreme, Krankheitslast (Malaria, etc.)
- Fehlende Diversifizierung der Wirtschaft (einseitige Rohstoffabhängigkeit → „Ressourcenfluch“ in manchen Fällen)
Exogene Ursachen (äußerlich)
- Kolonialismus und seine Nachwirkungen: Wirtschaftliche und politische Strukturen aus der Kolonialzeit prägen viele Entwicklungsländer bis heute
- Ungleicher Welt Handel: Vorteile für industrialisierte Länder, nachteilige Handelsbedingungen für Rohstoffexporter (Terms of Trade)
- Schuldenlast: Viele Entwicklungsländer haben hohe Auslandschulden; Schuldendienste binden Ressourcen, die für Entwicklung (Bildung, Infrastruktur) fehlen
- Globale Machtstrukturen und institutionen: WTO, IWF, Weltbank — kritisch gesehen oft Nord-lastig in Entscheidungsstruktur
- Klimawandel: Traf Entwicklungsländer oft stärker, obwohl sie weniger verursacht haben (Klimajustiz-Frage)
Folgen disparärer Entwicklungen
- Migration: Wirtschaftsmigration, Flucht aufgrund von Konflikt oder Umweltfolgen (Migration als Folge und Ausdruck disparität)
- Armut: Mangelndes Einkommen, Zugang zu Bildung, Gesundheit, sauberem Wasser, Nahrungssicherheit
- Gesundheitliche Ungleichheit: Krankheitslast, Zugang zu Medizin, Ernährung
- Ökologische Folgen: Übernutzung von Ressourcen (oft aus Notwendigkeit oder externem Druck), Umweltverschmutzung
- Konfliktpotenzial: Ressourcenknappheit, Ungleichheit, politische Instabilität können Konflikte fördern
- Verfestigung globale Ungleichheiten: Durch geringe Wirtschaftskraft, eingeschränkte Handelsmöglichkeiten, ungleiche Partizipation an globalen Entscheidungen
Entwicklungstheorien
Dependenztheorie
- Kernthese: Entwicklungsländer sind in eine ungleiche Abhängigkeit von industrialisierten Ländern (Kern-Peripherie-Struktur) versetzt; Ausbeutung durch Handelsbeziehungen, Kapitalflüsse, Technologiekontrolle → Entwicklung wird gehemmt, nicht gefördert
- Implikation für Entwicklung: Brechung der Abhängigkeit, Industrialisierung, autonome Entwicklung, Schutz vor ausländischem Kapital
Modernisierungstheorie
- Kernthese: Entwicklung erfolgt durch den Übergang von traditionellen zu modernen Gesellschaften; Industrialisierung, Technologie, Bildung, Kapitalinvestition sind Schüssel diese Entwicklung; Entwicklungsländer können und sollten den Weg der industrialisierten Länder nachvollziehen
- Implikation: Transfer von Kapital, Technologie, Institutionenhilfe → Entwicklung durch Markt und Modernisierung
Fragmentierungstheorie
- Kernthese: Die moderne Weltwirtschaft fragmentiert sich zunehmend; Märkte spalten sich, globale Ordnung wird fragmentiert; Diversifizierung von Wirtschaftsblöcken, Protektionismus, regionale Integration statt globaler Integration
- Implikation: Regionale statt globale Lösungen, Abkehr von der Idee eines einheitlichen Weltmarktes
Entwicklungsstrategien
Nachhaltige Entwicklung
- Definition: Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden (Brundtland-Bericht 1987)
- Grundsätze: Nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, soziale Gerechtigkeit, ökologische Grenzen respektieren; drei Säulen: ökonomisch, sozial, ökologisch
Sustainable Development Goals (SDGs — Agenda 2030)
- 17 globale Ziele der Vereinten Nationen (2015–2030), die eine universelle Entwicklungsagenda für alle Länder (nicht nur Entwicklungsländer) definieren
- Beispiele: Keine Armut (Ziel 1), Null-Hunger (2), Gesundheit (3), Bildung (4), Geschlechtergerechtigkeit (5), sauberes Wasser (6), nachhaltige Energie (7), menschenwürdige Arbeit (8), Industrie und Innovation (9), reduzierte Ungleichheiten (10), nachhaltige Städte (11), nachhaltiger Konsum (12), Klimahandlung (13), Leben unter Wasser (14), Leben an Land (15), Frieden und Institutionen (16), Partnerschaften (17)
- Grundidee: Global, universell, integrativ — für alle Länder, mit Verankerung auch in Industrieländern
Entwicklungszusammenarbeit — Strategien
- Hilfe zur Selbsthilfe: Stärkung der eigenen Kapazitäten (bildung, Institutionen, Infrastruktur) statt reiner Zufluss von Gütern
- Nachholende Entwicklung: Unterstützung von Ländern, um Entwicklungsrückstände einzuholen
- Befriedigung der Grundbedürfnisse: Fokus auf die grundlegende Versorgung mit Wasser, Nahrung, Gesundheit, Bildung und Wohnraum.
- Dissoziationsstrategie: Abkehr von Abhängigkeiten, eigenständige Entwicklung, Verknüpfung mit Dependenztheorie
- Land Grabbing: großflächiger Erwerb oder langfristige Pacht von Land, häufig durch Unternehmen oder Investoren aus dem In- und Ausland. Kritisiert werden unter anderem Risiken für lokale Gemeinschaften, Landrechte und Ernährungssicherheit.
Bewertung von Entwicklungsprojekten
Bei der Bewertung von Entwicklungsprojekten im Abitur (Kompetenz 3.5.3.4 (3)) sind folgende Fragen zentral:
- Welche Entwicklungsstrategie liegt dem Projekt zugrunde? (Hilfe zur Selbsthilfe? Grundbedürfnisse? Nachhaltigkeit? Industrialisierung?)
- Wie wird Erfolg gemessen? (Indikatoren: Einkommen, Bildung, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Partizipation)
- Wer beteiligt sich? Wer hat Mitspracherecht? (Partizipation lokaler Bevölkerung, government involvement, ownership)
- Welche ökologischen, sozialen und ökonomischen Folgen hat das Projekt? Langfristigkeit, Verteilungsgerechtigkeit
- Welche Machtverhältnisse wirken? (Geber vs. Empfänger, Interessen westlicher Geber, kommerzielle Interessen, Abhängigkeiten)
Beispiele für Projekttypen (zur Abiturbewertung geeignet)
- Infrastrukturprojekte (Wasser, Energie, Straßen): Wichtig für Entwicklung, aber Risiken (Umwelt, Verschuldung, Nachhaltigkeit)
- Bildungsprojekte: Grundlage für Entwicklung, aber oft langfristiger Wirkung, Abhängigkeit von politischer Stabilität
- Landwirtschaftsprojekte (z. B. Bewässerung, Beratung, Saatgut, Agroforst): Zentral für Ernährung und Einkommen, aber Kontextabhängigkeit, Landrechte
- Mikrofinanz und Entrepreneurship-Förderung: Zugang zu Kapital für KMU, aber auch Risiken (Überschuldung, Vergesellschaftung von Risiken)
- Deutsche Entwicklungszusammenarbeit (z. B. über GIZ, KfW, BMZ): Bezug zu deutschen Geberstrategien, aber auch Kritik (Bedingungen, Eigeninteressen)
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Offene Fragen
- Welche konkreten Projekte (Deutschland, UNICEF, Welthungerhilfe, etc.) für Abiturbewertung?
- Wo gibt es aktuelle Daten (HDI-Liste, Weltbank-Indikatoren, UNDP-Berichte) für Grafiken und Vergleich?